Die Industrialisierung, die bisher größte Umwälzung in der Menschheitsgeschichte, hat in Waiblingen erst spät Einzug gehalten. Die Gründe dafür schilderte Klaus Scheiner auf einem Stadtrundgang der Waiblinger SPD aus Anlass ihres 125-jährigen Bestehens am Samstag, 8. Juni 2013. Der Grund dafür war die Zersplitterung Deutschlands in Klein- und Kleinststaaten, die schon durch die vielen Zollkontrollen und unterschiedlichen Währungen einen wirtschaftlichen und technischen Fortschritt unmöglich machen. Und so schuf erst der „dicke böse Friedrich“ die Voraussetzungen für das technische Zeitalter, indem er sich auf die Seite Napoleons schlug und so Württemberg wesentlich vergrößern konnte. Den Beinamen bekam König Friedrich von Württemberg vom Volk wegen seines Leibesumfangs und weil er demonstrativ zeigte, dass es ihn gleichgültig war, wenn seine Untertanen in Napoleons Diensten starben, so lang es ihm gut ging.
Erst sein Nachfolger König Wilhelm I. schuf dann auch die notwendigsten Voraussetzungen für die Industrialisierung erläuterte SPD-Mitglied Scheiner. Er teilte Württemberg in Oberämter ein und Waiblingen wurde Oberamtsstadt. Und noch wichtiger: Er gründete eine staatliche Post. Die Poststation in Waiblingen lag beim Postplatz, der daher seinen Namen hat. Wie wichtig diese Kommunikationsverbindung war, zeigte sich daran, dass sich die ersten Industriebetriebe dort ansiedelten: Die Ziegelei Bihl am heutigen Landratsamt und die Seidenstoffweberei Hirth an der Wohnanlage im Kern.
Die beiden Gründer waren typische Selfmade-Männer. Georg Friedrich Bihl hatte in Waiblingen antike römische Wasserleitungen gefunden und nach ihrem Vorbild die „Bihlschen Röhren“ entwickelt, die wegen ihrer Haltbarkeit weit über die Grenzen Württembergs gefragt waren. Der Schweizer Unternehmer Hirth suchte in ganz Mitteleuropa einen Standort für seine Seidenfabrik und bekam dann von der königlichen Verwaltung das Gebiet unterhalb der heutigen Blumenstraße angeboten. Beide Unternehmen boten in ihren besten Zeiten hunderte Arbeitsplätze und ihre Gründer erhielten zahlreiche Auszeichnungen.
Der nächste Schub der Industrialisierung wurde durch die Eisenbahn angestoßen. Die Waiblinger hätten den Bahnhof gerne näher an der Altstadt gehabt, aber die Topographie und auch die Lange zahlreicher Ziegeleien sprachen für den heutigen Standort, erklärte Klaus Scheiner Und so entwickelte sich die Bahnhofstraße zum Prachtboulevard Waiblingens. Die Oberschicht zog dorthin und zeigte mit ihren Villen, was sie erreicht hatte. Die historische Altstadt war damals herunter gekommen und es sollte mehrmals Diskussionen geben, ob es nicht besser sei, sie abzureisen. Im Gegensatz zu heute war es für den Industriellen von Welt üblich, dass er nicht nur das private Wohnhaus, sondern die ganze Fabrik als Repräsentationsobjekt verstand. Die Bonbonfabrik Kaiser und die ehemalige Möbelfabrik Oppenländer zeigen bis heute die damalige Einheit von Wohnen, Verwalten und Produzieren.
Die Unternehmer des späten 19. Jahrhunderts pflegten häufig ein patriarchalisches Selbstverständnis. Sie sahen sich als Väter ihres Unternehmens, was den Vorteil hatte, dass sie auch die soziale Versorgung ihrer Beschäftigen als ihre eigene Aufgabe sahen. Der Nachteil war, dass sie – wie auch in ihren Familien – keinen Widerspruch duldeten. Mitbestimmung war ein Fremdwort und Ratschläge nahmen die Patriarchen höchstens von ausgewählten Mitarbeitern entgegen. Die soziale Versorgung durch die Unternehmen machte es der Arbeiterbewegung schwer, dort Fuß zu fassen. Häufig war die Belegschaft in einen unternehmerfreundlichen und einen gewerkschaftsnahen Teil gespalten. Klaus Scheiner zeigte, dass das Gelände der Firma Kaiser der seltene Fall eines erhaltenen „Fabrikdorfs“ ist. Das Wohnhaus des Unternehmers, die Produktionsgebäude, die Wohnhäuser der Beschäftigten und soziale Einrichtungen wie Kantinen oder Arztpraxen waren dort vereint.
Während die Bahnhofstraße die Waiblinger Prachtstraße der Gründerzeit gewesen war, war die Fronackerstraße das Pendant für die handwerklichen Unternehmer. Alles war eine Nummer kleiner und einfacher. Die grundlegende Anlage war aber identisch – eine schnurgerade Straße mit Alleenbäumen und Vorgärten, die sich damit deutlich von den verwinkelten baumlosen Straßen der historischen Altstädte unterschied. Bis ins 20. Jahrhundert blieben diese Straßen die ersten Adressen in Waiblingen, dann wandelte sich auch in Waiblingen die Einstellung: Die zunehmende Mobilität schien reine Wohngebiete attraktiver zu machen und die Trennung von Arbeiten und Wohnen wurde zum Ideal. Unternehmer und Mitarbeiter zogen in die Wohngebiete und die beiden Straßen wurden zu den Einkaufsstraßen, die sie noch heute sind.
Ein Plan wurde glücklicherweise nie verwirklicht: Die Nazis wollten die Fronackerstraße zur Aufmarschstraße für ihre Kundgebungen machen. Tausende Parteimitglieder sollten darauf zum geplanten Parteihauptquartier mit einer Halle für 10 000 Menschen marschieren. Diese Parteizentrale sollte am heutigen Landratsamt gebaut werden. Wie ein jeder Stadt eiferten die Nazis mit solche großkotzigen Plänen ihrem Führer nach und wie in fast jeder Stadt wurden sie schon alleine aus Geldmangel niemals auch nur begonnen.
Klaus Scheiner zeigte, dass die Bahnhofstraße auch ein Museum für die Baustile der letzten 150 Jahre ist. Die postmodernen Bankgebäude im unteren Teil kontrastieren mit den historischen Industrieflächen in der Mitte, die selbst wieder eine Mischung verschiedener Epochen bilden. Jugendstilvillen stehen neben Gebäuden im Bauhausstil der 50er-Jahre, wie dem alten Landratsamt oder den Gebäuden an der Kreuzung mit der Blumenstraße. Und dazwischen sind immer wieder Häuser aus der Anfangszeit der Straße zu erkennen, die sich durch Backsteinfassaden und Giebeln zur Straße hin auszeichnen.