Renate Franz und Elser-Neffe Rudolf HangsMit einer Überraschung endete der Vortrag von Renate Franz über den Hitler-Attentäter Georg Elser bei der Waiblinger SPD am 22. März 2012 im Bürgerzentrum. Ein Mann im Publikum gab sich als Neffe des Widerstandskämpfers zu erkennen und ergänzte das Gesagte mit interessanten Details aus der Familie. Zuvor hatte Renate Franz vom Georg-Elser-Arbeitskreis Stuttgart in ihrem Vortrag an Elsers Leben, seine mutige Tat und den langen Weg zu seiner Anerkennung erinnert.
Elser kam am 4. Januar 1903 als Johann Georg Elser zur Welt und wuchs in Königsbronn auf der Ostalb auf. Schon früh erkannten seine Lehrer große musikalische und handwerkliche Talente bei dem Jungen. Diese befähigten ihn, so unterschiedliche Berufe wie Tischler und Uhrmacher auszuüben, wodurch er auch in der Weltwirschaftskrise der 1920er-Jahre leicht Arbeit fand. Historiker sehen darin einen interessanten Gegensatz zu seinem späteren Feind Hitler. Der Diktator war vor seinem politischen Leben eine gescheiterte Existenz gewesen.
In der Zeit, in der sich Hitler in seinen Größenwahn hineinsteigerte, erlebte Elser eine glückliche und lebensfrohe Zeit am Bodensee. Er war ein Schaffer und Tüftler, aber auch ein Mensch, der nach der Arbeit gern feierte und auf dem Festen selbst aufspielte. Als sein Vater 1932 krank wurde, ließ er sich jedoch sofort in die Pflicht nehmen und kehrte nach Königsbronn zurück. Von Anfang an war er ein strikter Gegner des NS-Regimes. „Warum plagt man die Juden so?“, fragte Freunde und rechnete ihnen genau vor, dass die finanzielle Situation der Handwerker im Gegensatz zur Propaganda deutlich schlechter geworden war. Wenn Hitler im Radio zu hören war, verließ Elser demonstrativ den Raum.
Spätestens seit Hitlers Einmarsch in die Tschechoslowakei war Elser der selbstzerstörerische Charakter Hitlers völlig klar und er fasste seinen Plan, die gesamte NS-Führung mit einer Bombe zu töten. Bald wusste er, wo der ideale Ort für das Attentat war: Im Münchner Bürgerbräukeller versammelte sich jedes Mal am 8. November die gesamte Parteispitze, um des gescheiterten Putsches 1923 zu gedenken. Und Hitler redete in jedem Jahr vor der gleichen Säule. Wenn Elser dort eine Bombe einbauen könne, würde er die gesamte Führung töten können und dabei möglichste wenig Unschuldige gefährden.
Georg Elser gelang es tatsächlich, innerhalb eines Jahres die Säule auszuhöhlen und eine selbst entwickelte Zeitbombe einzubauen. Der Beginn des Kriegs mit Polen schürte seine Entschlossenheit. Die Fachleute der Gestapo glaubten Elser diese unglaubliche Leistung erst, als der die Bombe vor ihren Augen aus dem Gedächtnis nachbaute. Das eindrücklichste Foto des Vortrags zeigte Elser und den verhörenden Offizier, der mit unverhohlener Faszination Elsers technischen Erklärungen folgt. Schon allein die Leistung, eine Bombe heimlich in den öffentlichen Saal einzubauen, der wie die Gaststätte für jedermann zugänglich war, hätten Hitlers Sicherheitsleute niemandem zugetraut.
Bekanntermaßen scheiterte Elsers Attentat auf Hitler nur, weil der Diktator wegen Nebels früher nach Berlin zurück musste. Fachleute sind sich sicher, dass die Bombe sonst tatsächlich die gesamte Führung getötet hätte. Elser wurde an der Schweizer Grenze in Konstanz gefasst und der Gestapo übergeben, die ihn folterte, damit er seine Hintermänner preisgibt. Doch Elser hatte keine Hintermänner. Er hatte das Attentat alleine geplant und durchgeführt. Seine Aufpasser glaubten ihm, nachdem er die Bombe nachgebaut hatte, Hitler glaubte bis zum Schluss, dass der englische Geheimdienst hinter der Sache stecken müsse.
In einem Punkt hatte selbst Georg Elser die Nazis unterschätzt. Er dachte, er würde die Menschen in seiner Umgebung schützen, wenn er niemandem etwas erzählt, doch die Gestapo nahm nicht nur seine ganze Familie in Haft, sondern drangsalierte das ganze Dorf. Soldaten aus Königsbronn wurden überall verspottet und der Ort als „Attentatshausen“ geschmäht. Selbst Elsers zehnjähriger Neffe wurde von den Eltern getrennt und kam zeitweise in ein Heim. Elser wurde als „persönlicher Gefangener Hitlers“ im Konzentrationslager Sachsenhausen in Einzelhaft gehalten. Der Diktator wollte ihm nach dem Sieg persönlich den Prozeß machen. Als die Alliierten näher kommen, wird Elser nach Dachau verlegt und dort am 9. April 1945 ermordet.
Im zweiten Teil ihres Vortrags schilderte Renate Franz die Rezeptionsgeschichte auf Elsers Leben. Kein Widerstandskämpfer wurde so lange verkannt, wie Elser. Er hatte ja selbst in Kauf genommen, verkannt zu werden, indem er seine Pläne geheim gehalten hatte. Ihm war selbst klar gewesen, dass man ihn auch für einen Wahnsinnigen halten konnte, der nur zufällig Hitler treffen wollte. Erst als 1968 Kopien der Verhörprotokolle von Historikern wieder gefunden wurden, wurde klar, dass Elser die Natur und die Pläne Hitlers so früh und so klar durchschaut hatte, wie kein Anderer.
Selbst andere Widerstandskämpfer konnten nicht glauben, was Elser gelungen war. In Sachsenhausen kam das Gerücht auf, Elser habe auf Befehl Hitlers gehandelt, damit sich der Diktator als von der Vorsehung Geretteten darstellen konnte. Seine Zelle sei eine luxuriöse Einzelwohnung. Tatsächlich hatten die Häftlinge die Räume von Elsers Bewachern gesehen, die ihn 24 Stunden am Tag überwachen mussten. Selbst Menschen wir Martin Niemöller verbreiteten nach dem Krieg, sie hätten im KZ genau gehört, dass das Attentat ein Fake gewesen war.
In Königsbronn wirkte der Terror der Nazis lange nach. Niemand wollte etwas mit Georg Elser zu tun haben. Und seine Familie, die sich bemühte, sein Ansehen wieder herzustellen, kapitulierte, als sie nicht einmal aus dem Widerstand Unterstützung erhielt. Besonders unrühmlich verhielt sich der Nachkriegsbürgermeister der Gemeinde, der bis zu Beginn der 90er-Jahre alle Versuche abblockte, Elser zu ehren. Erst sein Nachfolger eröffnete 1998 eine Gedenkstätte für den größten Sohn der Gemeinde.
Erst seit den 1970er-Jahren wurden Forschungsprojekte und Gedenkstätten für Georg Elser ins Leben gerufen. Durch die Verhörprotokolle wurde klar, dass er der größte Held in Nazi-Deutschland gewesen war, der um ein Haar den Holocaust und den zweiten Weltkrieg verhindert hätte. Er glaube nicht, dass er mit Hitlers Tod die NS-Regierierung beseitigt hätte, sagte Elser der Gestapo, aber er habe auf eine friedlichere und weniger gewalttätige Politik gehofft. Seit 2009 steht sein Denkmal im Berliner Regierungsviertel und seit 2010 an der Schweizer Grenze in Konstanz.
Nach dem Vortrag gab sich Rudolf Hangs im Publikum zu erkennen, ein Neffe Georg Elsers. Hangs ist 1942 geboren und hat seinen Onkel darum nie kennen gelernt. Er schilderte nachdrücklich die feindliche Atmosphäre in Königshofen nach dem Krieg, die er als Kind deutlich gespürt habe. Er erzählte auch von dem Brief von Pastor Niemöller, in dem er Georg Elsers Mutter der Lüge bezichtigte. „Der Brief war wirklich eines Pfarrers unwürdig“, befand Rudolf Hang. Bewegend schilderte er zu Schluss, wie seine Großmutter schließlich resignierte, weil die Tat ihres Neffen nach dem Krieg niemanden mehr recht zu interessieren schien.