Vorstand begrüßt NSU-Untersuchungsausschuss - Rezension zu "Schmerzliche Heimat"

Veröffentlicht am 06.11.2014 in Reden/Artikel

Der Vorstand der SPD Waiblingen begrüßt, dass der Landtag nun auch in Baden-Württemberg einen Untersuchungsausschuss zu den Morden und Raubzügen der NSU-Terroristen eingesetzt hat. Seine Mitglieder fanden schon lange, dass die Verbindungen der NSU zu Neonazis und Rechtsradikalen nach Baden-Württemberg weiter untersucht werden muss. Bei den Waiblinger Literaturtagen gab es dazu eine Lesung aus dem Buch "Schmerzliche Heimat" von Semiya Simsek und Peter Schwarz. Unser Mitglied Theo Kaufmann hat dazu eine Rezension geschrieben, die wir im Folgenden veröffentlichen.

"Ich hatte die Gelegenheit, Semiya Simsek bei ihrer Buchvorstellung in der Manufaktur in Schorndorf zu erleben und war am 4. November bei der Lesung mit dem Autor des Buches, Peter Schwarz und dem Anwalt von Simsek beim NSU-Prozess in München. In Schorndorf bekamen wir eine junge, toughe Frau zu Gesicht und zu Gehör.
Woher nimmt diese Frau diese Kraft, nach all dem Schlimmen, was sie erleben musste, fragte ich mich. Die Antwort fand ich nicht nur an dem Abend, sondern vor allem auch an verschiedenen Stellen im Buch. Da sind zunächst einmal die schönen Erinnerungen an ihren Vater. Sie bekam  wohl auch ihre erstaunliche Power durch das große Vertrauen, das die Eltern Simsek ineinander und in ihre Tochter hatten.  Zudem stützte sie wohl auch der intensive Zusammenhalt der Großfamilie.
Simsek schreibt dazu: „Etwas gemeinsam machen, das durchzieht alle Lebenslagen.“ Und an anderer Stelle: „Dass wir so eng zusammenhielten, war unsere Stärke.“
Semiya wurde schon früh zur Selbstständigkeit erzogen, was ihr in den Jahren nach dem Mord an ihrem Vater nach ihren eigenen Angaben sehr geholfen hat.
Nach dem 9. Mord, Semiya war mittlerweile eine junge Erwachsene, beschloss sie mit Gamze, einem anderen betroffenen  Mädchen nicht mehr länger zu schweigen, sondern an die Öffentlichkeit zu gehen. Die beiden gaben ein Fernsehinterview.
Die Simseks passen übrigens überhaupt nicht in das verbreitete Klischee der bildungsfernen, bäuerlich-ostanatolische Familie, die es nach Deutschland verschlagen hat.
So hat mir als Leseförderer natürlich imponiert, dass Semiyas Eltern regelmäßig Bücher kauften. Die Kinder bekamen dann die Aufgabe, jeweils 20 Seiten zu lesen und anschließend Vater oder Mutter zu erzählen, was sie gelesen hatten.
Erstaunlich und bewundernswert finde ich auch die Fähigkeit der Familie, sich immer wieder auch in die „gegnerische“ Seite zu versetzen. So hatten die Simseks durchaus Verständnis dafür, dass die Polizei, weil es beim Mord an Enver Simsek keine offensichtlichen Tatverdächtigungen gab, das Opfer und dessen familiäres Umfeld ins Zentrum der Ermittlungen nahm. Die Polizei bzw. die Ermittler hätte aber ihrerseits  die Pflicht gehabt, die trauernde und traumatisierte Familie einfühlsam zu behandeln. Aber genau das Gegenteil geschah. Darüber schreibt Simsek: „Die Art, wie sie [die Polizei] zum Teil ermittelte, war unerträglich. Neben äußerst gemeinen Verdächtigungen war auch nicht nachvollziehbar, wie lange die Vernehmungen dauerten. So wurde die Mutter Simsek zum Beispiel an einem Tag von 11.05 Uhr bis sage und schreibe 18.35 Uhr  vernommen. Eine andere Vernehmung dauerte fast viereinhalb Stunden.
Schlimm für die Simseks war auch, dass die Verhöre über viele Jahre weg nicht aufhörten. Simsek schätzt, dass die Ermittler allein in den Jahren 2006 und 2007 ein Dutzend mal zum Verhör bei der Familie waren. Und sie stellten immer die gleichen, zermürbenden und teilweise auch erniedrigende ja sogar unfaire Fragen.
Das Ergebnis dieses an Psychoterror grenzenden Verhaltens war, dass Mutter Simsek   schwer depressiv wurde und monatelang unter extremen Schlafstörungen litt. Manchmal war sie so erschöpft, dass sie, die sie früher den ganzen Tag von morgens bis abends gearbeitet hatte, nicht selten den ganzen Tag im Bett blieb. Sie musste das vorher florierenden Blumenhandel, den ihr Mann aus dem Nichts hochgezogen hatte, aufgeben und wurde Sozialhilfe-Empfängerin. Auch Semiyas Onkel Hursit wurde krank: „Die Depression schlich sich auch in sein Leben.“
Es stellte sich übrigens irgendwann mal heraus, dass der Lieferwagen der Simseks   verwanzt wurde. Es gab zudem eine Hausdurchsuchung, bei der die Polizei so ziemlich alles, „was nicht niet- und nagelfest war“ mitnahm.
Damit nicht genug. Alle Familienmitglieder mussten eine Speichelprobe abgeben, auch Semiya und ihr jüngerer Bruder. Von den Onkeln Semiyas wurden erkennungsdienstliche Fotos mit den aus dem TV bekannten Nummerntafel gemacht. Semiya schreibt dazu: „Wir hatten nie den Eindruck, dass irgendwer versuchte, bei alldem wenigstens rücksichtsvoll zu sein.“ Alle Unterstellungen und Tatverdächtigungen hatte zumindest zweitweise das Leben der Großfamilie vergiftet. Das spürte natürlich auch das Mädchen Semiya und fragt sich im Buch: „Wie lange hält Vertrauen? Wie oft muss man darauf einschlagen, bis es nachgibt, dünn wird, sich verbiegt und bricht?“
Allein nur die Tatsache, dass über ein Jahrzent lang das Mordmotiv Fremdenhass niemals auch nur in Betracht gezogen wurde, brachte die Simseks fast um den Verstand.
Dann kam am 11. November 2011 die Nachricht, die Waffe, mit der Semiyas Vater ermordet wurde, sei gefunden worden. Die Waffenbesitzer seien tot, sie hätten sich selbst umgebracht. Die drei Mitglieder der NSU hatten 13 lange Jahre lang wenn man so will, unbehelligt im Untergrund gelebt.
Nach 13 langen Jahren musste Simsek erfahren, dass ihr Vater sterben musste, weil er ein Türke war. Die ganze Zeit über war es den Simseks verwehrt gewesen „in Ruhe“ und Würde zu trauern. In all diesen Jahren waren sie in doppeltem Sinne Opfer.
Am 23. Februar 2012 schließlich hält Semiya Simsek ihre mittlerweile berühmte Rede. Zwölfhundert Menschen hörten zu, darunter die Größen unseres Staates. Diese eindrückliche Rede wurde übrigens zu Beginn der Lesung eingespielt. Mit dieser  Rede konnte Semiya, die Simseks sowie die anderen Hinterbliebenen der NSU-Mordserie sich endlich ihrer eigenen Geschichte bemächtigen.
Aber gab es bei den Simseks und den anderen Betroffenen nach diesem „Staatsakt“ sowie der Entschuldigung der Bundeskanzlerin ein Aufatmen? Leider nein, sagt Simsek. Jedoch will sie nicht ungerecht sein und unterstellt den Nürnberger Ermittlern sogar, dass sie sich viel Mühe bei ihren Ermittlungen gegeben hätten. Was sie aber erboste, war die Aussage der Ermittler, dass sie alles richtig gemacht. Demgemäß bekamen die Simseks auch keine Entschuldigung zu hören.
Kaum war die Aufdeckung der NSU-Taten grob verdaut, kam schon der nächste Schlag: Die Simseks hörten aus den Medien, dass NSU-Akten geschreddert worden seien. Am 11. September 2011, nur sieben Tage, nachdem das NSU-Trio aufflog, ordneten mehrere Beamte beim Bundesamt für Verfassungsschutz eigenmächtig die Vernichtung einschlägiger Akten an. Und nur drei Tage später, also am 14. September 2011, gibt das Bundesinnenministerium (BMI) eine Anordnung an das Bundesamt für Verfassungsschutz, Abhörprotokolle zu vernichten. Weitere solche Aufträge erteilte das BMI noch im gleichen Monat sowie in den Monaten April und Mai 2012.
Sieht man all dies in einer Gesamtsicht, muss festgestellt werden, dass staatliche Stellen nicht nur bei der Aufklärung der NSU-Mord Fehler um Fehler gemacht hatten, und sogar zum Teil versuchten, eine rückhaltlose Aufklärung der Morde  zu verhindern.
Dies versetzte Simseks Glauben an staatliche Stellen, wer will es ihr verdenken, einen neuen Schlag. Ein weiterer Schlag kommt, als enthüllt wird, dass zwei Polizisten aus Baden-Württemberg Mitglieder des rassistischen Geheimbundes Ku-Klux-Klan seien. Damit nicht genug. Besagte Beamte kamen mit milden Disziplinarstrafen davon und arbeiten weiterhin bei der Polizei. Das zu hören, raubte Simsek das letzte Vertrauen in die Ermittlungsbehörden und in die, die die Personalverantwortung für besagte Beamten tragen.
Am Ende bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens der Prozess in München gegen Tschäppe und weitere NSU-Täter Simsek den Glauben an unseren Rechtsstaat wenigstens in Teilen wieder gibt."

 

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